Maike Albath

"Bitte, sagen Sie uns die Wahrheit"

Umberto Eco über den Islam, das Internet, seinen neuen Roman und die Rolle des Intellektuellen

Umberto Eco. Die Weltauflage seiner Bücher liegt bei 30 Millionen  
Umberto Eco. Die Weltauflage seiner Bücher liegt bei 30 Millionen
Foto: dpa
 

Die Welt: Zu Beginn Ihres neuen Romans "Die geheimnisvolle Flamme der Königin Loana" erwacht Ihr Held nach einem Infarkt aus dem Koma und kann sich nicht mehr an seinen Namen erinnern. Stattdessen fallen ihm lauter Zitate ein, in denen von Nebel die Rede ist. Auch aus früheren Büchern kennt man Nebel-Szenen. Wie kommt es zu Ihrer Vorliebe für dieses meteorologische Phänomen?

Umberto Eco: Ich bin im Nebel geboren. Für mich war das immer etwas Magisches, vor allem während der Kriegsjahre, als man die Fenster verdunkeln musste. Diese Zeit ist ja auch Gegenstand meines Romans. Es gefällt mir, mich im Nebel zu bewegen und mich gleichzeitig geborgen zu fühlen. Es gibt zwei Sorten von Nebel: den undurchdringlichen Nebel der Ebene, wie ich ihn aus Alessandria kenne, und den Nebel in den Hügeln, wie er in den Langhe im Piemont herrscht. Dort folgen Hügelketten wie Theaterkulissen aufeinander, und zwischen den Hügeln können Bänder aus Nebeln entstehen, kleine Inseln, während andere Stellen noch frei liegen, das ist wunderschön. Für mich ist Nebel etwas Faszinierendes und Schützendes zugleich - ich fühle mich wie im Mutterbauch.

Die Welt: Mit Ihrem Protagonisten, dem Antiquar Bodoni, genannt Yambo, teilen Sie Herkunft, Alter und die Leidenschaft für Bücher. Ist Yambo ein alter ego?

Eco: Es handelt sich nicht um einen autobiografischen Roman. Aber da es um die dreißiger und vierziger Jahre geht, habe ich Yambo mit vielen eigenen Erinnerungen und typischen Erfahrungen meiner Generation ausgestattet. Etliches habe ich auch von meinen Freunden geklaut. Aber ich wollte jemanden erfinden, der sich deutlich von mir unterscheidet. Yambo hat zum Bespiel nie etwas geschrieben. Ich brauchte einen eher normalen Menschen, dem die Tragödie des Gedächtnisverlustes widerfährt.

Die Welt: Das klingt nach Wissenschaft.

Eco: Als ich Studien zur Gehirnforschung konsultierte, wurde mir klar, dass es verschiedene Formen von Gedächtnis gibt. Das "automatische Gedächtnis" erlaubt mir, Auto zu fahren oder mir die Schuhe zuzubinden. Eine andere Form nennt sich "semantisches Gedächtnis", das ist das öffentliche Gedächtnis. Das dritte Gedächtnis ist das autobiografische, ich weiß, wer meine Eltern sind. Nun habe ich entdeckt, dass man sehr wohl nur das autobiografische Gedächtnis verlieren kann. Meinem Helden passiert genau das: Er weiß nicht mehr, wer er ist, erkennt weder seine Frau noch seine Kinder wieder, aber er erinnert sich an seine gesamte Bildung. Die Enzyklopädie stürmt wie ein Bienenschwarm auf ihn ein, und er muss sich davon befreien.

Die Welt: Weil ihm sein Ich als Ordnungsinstanz fehlt, nützt ihm das Wissen nichts mehr. Das Gedächtnis ist also dazu da, Erfahrungen zu hierarchisieren und zu ordnen?

Eco: Das ist ein Problem, das weit über mein Buch hinausgeht und sich auch in Bezug auf das Internet stellt. Das Gedächtnis hat zwei Funktionen: Es bewahrt auf und es filtert. Wenn wir nicht die Hälfte all dessen, was wir lernen, wieder wegwerfen, werden wir völlig verrückt. Heute leben wir in einem Zeitalter, das mehr Informationen zur Verfügung hat als jedes andere. Die Enzyklopädie ist unendlich. Früher wurde uns die Arbeit des Filterns abgenommen. Nicht nur durch Zensur, auch weil ein Verlag bestimmte Bücher in sein Programm aufnahm und andere nicht. Die Kultur, verstanden als ein anthropologischer Begriff, hatte immer die Funktion eines Filters. Man muss wissen, wann Julius Caesar gestorben ist, der Todestag seiner Frau ist unwichtig. Im Internet wird diese Wertung aufgehoben. Heute besteht die Gefahr, dass sechs Milliarden Menschen sechs Milliarden verschiedener Enzyklopädien haben und sich überhaupt nicht mehr verstehen. Von wegen: Der Westen gegen den Islam, ich gegen Sie! Das ist eine der großen Gefahren der Zukunft.

Die Welt: Sie haben in "L'Espresso" eine Kolumne und äußern sich auch zu gesellschaftlichen Fragen. Hat sich die Rolle der Intellektuellen unter Berlusconi verändert?

Eco: Natürlich nimmt man zu bestimmten Fragen Stellung. Aber die Massengesellschaft neigt dazu, den Intellektuellen auf eine Rolle als Orakel festzulegen. Das Telefon klingelt und jemand fragt: "Bitte sagen Sie uns doch die Wahrheit über dieses oder jenes." Wenn ich dann antworte: "Ich weiß die Wahrheit nicht", herrscht große Enttäuschung. Diese Orakel-Funktion bekommt oft etwas sehr Komisches. In meiner Heimatstadt Alessandria gab es vor ein paar Jahren eine fürchterliche Überschwemmung. Ich bekam einen Anruf: "Was haben Sie für eine Meinung zu dieser Überschwemmung?" Was soll ich da für eine Meinung haben? Ich habe Mitleid! Das einzige, was ich tun konnte, war, einen Scheck zu unterschreiben, nicht als Intellektueller, sondern als Bürger!

Die Welt: Warum lässt man Sie mit solchen Fragen nicht in Ruhe?

Eco: Dieser Versuch, Intellektuelle zum Orakel zu machen, hängt mit dem allgemeinen Niedergang zusammen, mit dem Verlust der Ideologien, es gibt keine Parteien mehr, wen fragt man um Rat? Das treibt viele Intellektuelle dazu, zum professionellen Orakel zu werden und dauernd im Fernsehen aufzutreten. Da sie aber nicht über alles Bescheid wissen, erzählen sie Unsinn, der auch noch Einfluss gewinnt. Als Intellektueller muss man sich also verteidigen und sagen: Ich kenne die Antwort nicht. Das ist das klassische Vorbild von Sokrates: Man weiß, dass man nichts weiß. Nur ungebildete Menschen denken, dass sie viel wissen.

Die Welt: Sie überlegen es sich also gründlich, ob Sie sich in einer Angelegenheit zu Wort melden wollen oder nicht. Wie beurteilen Sie die Konflikte zwischen westlichem Gedankengut und Islam? Wird sich der Westen behaupten?

Eco: Schon vor zehn Jahren habe ich geschrieben, dass Europa innerhalb der nächsten 30 Jahre zu einem farbigen Kontinent werden wird. Grundlegende und sehr schmerzhafte Veränderungen sind von Nöten. Wir stecken jetzt mitten in diesem Prozess. Lösungen gibt es nicht. Der Streit um das Kopftuch ist exemplarisch. Eine Sache, bei der ich mich zu Wort gemeldet habe, war die Frage der italienischen Grenzen. Und da müssen wir ganz einfach verhandeln.

Die Welt: Verhandeln statt aufklären?

Eco: Es geht nicht darum, ob jemand schwarz oder weiß ist. Ich habe einen Artikel über eine Angelegenheit hier in Mailand geschrieben. Eine Gruppe ägyptischer Eltern wollte ihre Kinder nur auf das italienische Gymnasium schicken, wenn separate Klassen für sie eingerichtet werden. Das steht sämtlichen Vorstellungen von Integration, Demokratie und Respekt dem anderen gegenüber entgegen, denn die Ägypter haben das Recht zu sehen, wie Italiener leben und andersherum genauso. Die Schule hat den Wunsch akzeptiert, aber es gab einen Aufstand unter den Eltern, schließlich musste die Schule das Angebot zurücknehmen. Die Ägypter werden eine Privatschule gründen. Das Prinzip des Verhandelns hätte darin bestanden, ihnen zu sagen, gut, für ein oder zwei Jahre gibt es getrennte Klassen, aber ihr bemüht euch, unsere Kultur kennen zu lernen. Da man sich einer Verhandlung verweigert hat, wurden alle Chancen verspielt. Jetzt wird es eine Privatschule geben, und am Ende haben wir demnächst schiitische, sunnitische, protestantische, orthodoxe und atheistische Privatschulen. Auf diese Weise verhindert man Integration. Ich befürchte, dass die Kopftuchfrage in Frankreich zu einem ähnlichen Konflikt führen wird, auch wenn ich die alten Ideale verstehe, aus denen heraus das Kopftuchverbot ausgesprochen wurde. Vielleicht hätte man auch dort verhandeln müssen. Verhandlungen sind das, was auf dem orientalischen Bazar passiert, simple Tauschgeschäfte. Du willst 100 haben, ich biete dir 50 an, du gehst auf 90, ich will dir 60 geben und wir einigen uns auf 70, ich habe ein bisschen mehr bezahlt und du hast etwas weniger verdient, aber am Ende sind wir beide ganz gut weggekommen.

Das Gespräch führte Maike Albath.

Artikel erschienen am Fr, 1. Oktober 2004

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